Große Zustimmung für Reformideen des Bürgerrats Bildung und Lernen – Lehrkräfte-Umfrage zeigt klare Signale aus der Schulpraxis

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Foto: Christoph Soeder
Berlin, 21. November 2025. Bildung, bitte! – das fordert der bundesweite Bürgerrat Bildung und Lernen. Fünf Jahre lang haben sich die mehr als 700 zufällig ausgewählten Mitglieder mit der Frage beschäftigt, wie sich Bildung in Deutschland gerecht und zukunftsorientiert gestalten lässt. Die erarbeiteten Empfehlungen betreffen Veränderungen auf allen Ebenen – von der frühkindlichen Bildung bis hin zur beruflichen Qualifizierung. Doch wie bewerten Fachkräfte wie Lehrer*innen und Schulleitungen die Vorschläge, die ihre praktische Arbeit unmittelbar berühren? Das zeigt eine neue bundesweite Umfrage: Demnach stoßen viele Empfehlungen in der Praxis auf deutliche Unterstützung. Die Ergebnisse wurden heute im Rahmen der abschließenden Bürgerrat-Konferenz „Bildung, bitte!“ in Berlin vorgestellt.
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Infomaterial
Zielbilder des Bürgerrat Bildung und Lernen (PDF)
Schul-Umfrage zu den Zielbildern (PDF)
Feedback von Wirtschaft und Verbänden zu den Zielbildern (PDF)
Stellungnahmen aus Wirtschaft und Verbänden (PDF)
Gemeinsame Erklärung mit der Bundesschülerkonferenz „Wir wollen mitbestimmen“ (PDF)
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„Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, unter diesem Motto haben sich zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger, darunter auch Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren, seit 2021 aktiv im Bürgerrat Bildung und Lernen engagiert. Gleichberechtigt haben sie über neue Wege im Bildungssystem diskutiert und in einem bundesweit einzigartigen Beteiligungsprozess Empfehlungen für die Zukunft des Bildungssystems vorgelegt. Auf der Bürgerrat-Konferenz „Bildung, bitte!“, die heute in Berlin startet, kommen rund 120 Mitglieder des Bürgerrats aus allen Teilen Deutschlands mit Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft und Bildungspraxis zusammen. Gemeinsam beraten sie darüber, wie die erarbeiteten Empfehlungen umgesetzt werden können.
Zu Gast: OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher und Bremer Bildungssenator Mark Rackles
Mit dabei sind unter anderem OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher (online zugeschaltet aus Paris), der Bremer Bildungssenator Mark Rackles, die Jugendforscherin Prof. Nina Kolleck, Tomi Neckov (stv. Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung), Heinz-Peter Meidinger (Ehrenpräsident vom Deutschen Lehrerverband), Ayla Çelik (Vorsitzene GEW Nordrhein-Westfalen), der Lehrer Jotam Felmy (ausgezeichnet Deutscher Lehrkräftepreis), sowie zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Schulen, Verbänden und Ministerien. Zu den Gästen gehören aber auch Schüler*innen und ihre Vertretungen – darunter die Bundesschülerkonferenz und mehrere Landesschüler-vertretungen. Zusammen mit den jungen Mitgliedern des Bürgerrats fordern sie in einer gemeinsamen Erklärung mehr verbindliche Formen der Mitbestimmung in Schule und Gesellschaft.
Dass Veränderung notwendig ist, bestätigt auch Bürgerratsmitglied Katharina Roos: „Viele Schüler*innen sagen zu Recht: Wir leben im Hier und Jetzt – und vielen von ihnen geht es gerade nicht gut. Sie brauchen Freiräume, Mitbestimmung und Unterstützung, um ihr Potenzial entfalten zu können – genau wie im Arbeitsleben. In der Schule kommen diese Aspekte bislang jedoch zu kurz. Dabei wissen wir aus der Forschung sehr genau, dass echte Leistungsfähigkeit dort entsteht, wo man angstfrei lernen kann und sich gesehen fühlt.“
Bundesweite Umfrage unter Lehrkräften und Schulleitungen
Und wie werden die Empfehlungen von denjenigen aufgenommen, die täglich in Schule Verantwortung tragen? Die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage zeigen, in welchen Bereichen die Empfehlungen des Bürgerrats bei Lehrkräften und Schulleitungen auf große Zustimmung stoßen.
An der bundesweiten Erhebung nahmen 1.134 Personen aus allen Schulformen teil – darunter knapp 90 Prozent Lehrkräfte und rund 10 Prozent Schulleitungen. Die Umfrage im Auftrag der Montag Stiftung, durchgeführt von der 4teachers GmbH, lief vom 1. bis 7. November 2025.
Das vielleicht überraschendste Resultat: Die Idee „Hausaufgaben durch Vertiefungsstunden“ zu ersetzen, findet insgesamt eine deutliche Mehrheit („eher“ oder „voll“) bei den befragten Lehrkräften und Schulleitungen. Deutlichere Zustimmung zeigten die Befragten nur bei drei Empfehlungen: Demokratie lehren und leben – 86,6 Prozent aller Befragten befürworten eine stärkere Verankerung demokratischer Bildung im Schulalltag „eher“ oder „voll“. In Förderschulen liegt die Zustimmung sogar bei 97,9 Prozent. Digitales Lernen als sinnvolle Ergänzung – mit 86,4 Prozent aller Befragten ist dies die Empfehlung mit der zweitgrößten Unterstützung aller abgefragten Entwicklungsideen. Freiwilliger Ganztag: Über 80 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Familien frei zwischen Ganztag und Halbtag wählen können.
Gleichzeitig stoßen einige Vorschläge auf Widerspruch – vor allem dort, wo es um grundlegende Veränderungen der Leistungsbewertung geht. Noten erst ab Klasse 9 werden von 71 Prozent der Befragten „eher“ oder „voll“ abgelehnt; besonders stark ist die Ablehnung in Gymnasien und beruflichen Schulen. Die freie Wahl der Prüfungsform lehnen 72 Prozent der Befragten „eher“ oder „voll“ ab. Beim selbstbestimmten Zeitpunkt von Leistungsnachweisen ergibt sich mit 36,4 Prozent Zustimmung („eher“ und „voll“) und 63,6 Prozent Ablehnung („eher“ und „voll“) ein ähnliches Bild.
Unterschiede zwischen den Schulformen
Aus der Umfrage geht auch hervor: Die Bereitschaft für Veränderungen unterscheidet sich je nach Schulform. Grundschulen und Förderschulen zeigen die größte Zustimmung („eher“ oder „voll“) – etwa zu lebensnahem Lernen, mehr Eigenverantwortung oder zur Idee, Hausaufgaben durch Vertiefungsstunden zu ersetzen. Gymnasien und berufliche Schulen hingegen reagieren zurückhaltender – insbesondere bei Vorschlägen zur Leistungsbewertung, zu Prüfungsformaten und zu selbstbestimmten Leistungsnachweisen.
Ebenso klar unterscheiden sich die Haltungen zwischen Lehrkräften und Schulleitungen: Schulleitungen sind in nahezu allen Bereichen offener für Veränderungen. Dafür, dass Schülerinnen und Schüler den Zeitpunkt für Leistungsnachweise selbst bestimmen können, sprechen sich 54 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter „eher“ oder „voll“ aus – gegenüber einer klaren Mehrheit von Lehrkräften, die diesen Vorschlag ablehnt. Beim Item „Digitales Lernen als wichtige Ergänzung“ stimmen 74 Prozent der Schulleitungen, aber nur 53 Prozent der Lehrkräfte „voll“ zu.
„Jetzt ist es an Politik und Praxis, diese Impulse aufzugreifen.“
Wie wichtig es ist, solche Veränderungen auf breiter Basis zu diskutieren, unterstreicht Bürgerratsmitglied Florian Daumüller: „Mein Engagement im Bürgerrat hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, bei Debatten über Veränderungen viele unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen – und nicht nur über, sondern mit den Betroffenen zu sprechen. Wenn es um Schule geht, gehören dazu zum Beispiel Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern sowie Expertinnen und Experten aus Pädagogik und Didaktik.“
Somit liefert die Umfrage einen zentralen Beitrag – nicht nur für die heute startende Konferenz „Bildung, bitte!“, sondern auch darüber hinaus. „Mit dem Bürgerrat Bildung und Lernen wollten wir ein Signal setzen: Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Empfehlungen zeigen, dass Bürgerinnen und Bürger sehr wohl konkrete und umsetzbare Ideen für ein gerechtes und zukunftsfähiges Bildungssystem entwickeln können“, zieht Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand der Montag Stiftung Denkwerkstatt, die den Bürgerrat Bildung und Lernen ins Leben gerufen hat, eine erste Bilanz. Er macht klar: „Jetzt ist es an Politik und Praxis, diese Impulse aufzugreifen.“
Die zweitägige Konferenz, die heute und morgen in Berlin stattfindet, bildet den Abschluss des bundesweiten Bürgerrats Bildung und Lernen, der 2020 von der Montag Stiftung Denkwerkstatt initiiert wurde. Zwei Tage lang wird die Hauptstadt zum Treffpunkt für alle, die sich für die Bildung engagieren. Das Ziel: den Weg der Empfehlungen in die Praxis zu ebnen.
Über die Montag Stiftung Denkwerkstatt
Die Montag Stiftung Denkwerkstatt ist eine unabhängige gemeinnützige Stiftung und gehört zu den Montag Stiftungen in Bonn. Im Sinne des Leitbilds der Stiftungsgruppe „Handeln und Gestalten in sozialer Verantwortung“ übernimmt sie die Aufgabe, gesellschaftlich relevante, zukunftsweisende Themen aufzuspüren, den konstruktiven Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten zu suchen und soziale Veränderungsprozesse anzustoßen. Die Montag Stiftung Denkwerkstatt konzipiert, moderiert und organisiert Veranstaltungen, Dialogforen und Werkstätten für unterschiedliche Teilnehmerkreise, für Expertinnen und Experten verschiedener Fachgebiete ebenso wie für die allgemeine Öffentlichkeit.
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