Reflexionsworkshops des Bürgerrats Bildung und Lernen
Kurzbericht
Am 12. und 13. September 2025 kamen auf Einladung der Montag Stiftung Denkwerkstatt Menschen aus dem Bürgerrat Bildung und Lernen auf dem Montag Campus in Bonn zusammen. Ihr Auftrag war, die Prozesse, Entwicklungen und Ergebnisse sowie ihr persönliches Erleben im Bürgerrat Bildung und Lernen zu reflektieren. Ziel war zum einen, die Rückmeldungen der Teilnehmenden aus dem Projekt für die Erarbeitung von Learnings zu sammeln. Zum anderen sollten praxisorientierte Impulse aus der Bürger*innenperspektive erarbeitet werden, die sich auch für die Umsetzung weiterer Partizipationsprozesse nutzen lassen. Dass ehemalige Bürgerräte so zusammenkommen und in einem moderierten Workshop nach ihren Erfahrungen und Empfehlungen gefragt werden, das hat es in dieser Form bisher in Deutschland noch nicht gegeben.
Hier geht’s direkt zu den Impulsen der Bürgerrät*innen aus den Reflexionsworkshops:
Am 12. September werteten zunächst Kinder und Jugendliche aus dem Bürgerrat Bildung und Lernen gemeinsam ihre Erfahrungen im Bürgerrat aus. Im Mittelpunkt standen Fragen wie: Was war besonders wichtig? Was hat sich verändert? Und was bleibt von dieser Erfahrung? Insgesamt beteiligten sich am Workshop acht Kinder und Jugendliche im Alter von 13 bis 16 Jahren. Neben offenen Austauschformaten wurde anhand von Skalenabfragen die Zustimmung zu Qualitätsmerkmalen in Bezug auf den Bürgerrat Bildung und Lernen erhoben.
Im Ergebnis hat der Workshop gezeigt, dass der Bürgerrat stark auf die teilnehmenden jungen Menschen gewirkt hat. Die Teilnehmenden beschrieben das Gefühl, persönlich gestärkt aus der Erfahrung zu gehen – mit einem positiven Blick auf die Gemeinschaft des Bürgerrats, einem gestiegenen politischen (Selbst-)Bewusstsein und einem höheren Gefühl der Selbstwirksamkeit. Den Bürgerrat Bildung und Lernen sahen die Teilnehmenden als Raum, in dem junge Menschen ernst genommen wurden und ihre Meinung frei äußern konnten.
Erfahrungen und Eindrücke
- Besonders positiv erinnerten die Schüler*innen die großen Treffen wie z.B. die Bürgerratssitzung in Leipzig. Dort entstand das Gefühl, wirklich gehört zu werden. Aber auch die Teilnahme im Sächsischen Landtag und bei Treffen mit Politiker*innen in ganz Deutschland waren wichtige Erlebnisse in der Arbeit im Bürgerrat.
- Sie hoben die offene und respektvolle Atmosphäre hervor: gleichberechtigte und wertschätzende Diskussionen mit Erwachsenen, gemeinsame Pausen, Begegnungen und Austausch.
- Methoden wie Speed-Dating, Kleingruppen oder spielerische Elemente machten es für die jungen Menschen leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen.
- Auch den Austausch der Schüler*innen untereinander – Erfahrungen aus anderen Schulen zu hören und gemeinsam an einem besseren Lernen für alle Schüler*innen in Deutschland zu arbeiten – bezeichneten die Teilnehmenden als ein sehr positives Erlebnis.
Wirkungen und Veränderungen
- Die jungen Bürgerrät*innen berichteten von gestiegenem Selbstbewusstsein, mehr Mut und größerem Interesse an Politik und Mitbestimmung. („Ich traue mich jetzt, offen über Schule und Politik zu reden.“ / „Ich habe zum ersten Mal vor so einer großen Gruppe geredet – und gemerkt, was ich alles kann!” / „Ich bin mutiger geworden und glaube mehr an mich selbst.“)
- Die Kinder und Jugendlichen erlebten, dass ihre Perspektive zählt und dass politisches Engagement auch im Kleinen möglich ist. („Ich habe gelernt, dass es kein Richtig oder Falsch gibt – nur verschiedene Sichtweisen.“)
- Einige gaben an, dass sich ihr Blick auf Schule, Politik und gesellschaftliche Themen dauerhaft verändert hat.
- Die Teilnehmenden kritisierten, dass Politiker*innen zwar die Empfehlungen des Bürgerrats Bildung und Lernen aufnahmen („Ich nehm das mal mit“ wurde zum geflügelten Wort in den Gesprächen mit Politiker*innen) – aber enttäuschend wenig passiert ist. Einige nahmen auch die fehlende Wertschätzung der eigenen Schule für ihre Arbeit im Bürgerrat kritisch wahr.
Herausforderungen und Lernpunkte
- Längere Diskussionen und fachlich komplexe Themen erlebten die Kinder und Jugendlichen als anspruchsvoll und nicht immer altersgerecht aufbereitet.
- Grundsätzlich hätten sich die teilnehmenden Schüler*innen eine verständlichere Sprache gewünscht.
- Die genutzten Formate fanden die Kinder und Jugendlichen teilweise zu eintönig, mehr Abwechslung hätte die Arbeit erleichtert.
Insgesamt haben die jungen Teilnehmenden erneut die Botschaft bekräftigt, die auch einen Grundstein der Empfehlungen des Bürgerrats Bildung und Lernen bildet: Junge Menschen können und wollen Verantwortung übernehmen, kritisch denken und mitreden – und müssen dafür den Raum bekommen.
Am 13. September 2025 kamen anschließend rund fünfzig Bürgerrätinnen und Bürgerräte aus dem Bürgerrat Bildung und Lernen zusammen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemeinsam. Auch an diesem Workshoptag ging es darum, Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und festzuhalten, was aus Sicht der Teilnehmenden Bürgerräte wirklich wirksam macht.
Nach einem Rückblick auf die Etappen des Bürgerrats von 2020 bis 2025 blickten die Teilnehmenden auf ihre ganz persönlichen „kleinen Momente der Wahrheit“ – Augenblicke, in denen sie gespürt haben: Hier bewegt sich etwas, hier entsteht etwas Besonderes. Diese Geschichten waren der Auftakt zu einer intensiven gemeinsamen Reflexionsreise.
In kleinen Arbeitsgruppen formulierten die Bürgerrätinnen und Bürgerräte in mehreren Schritten Erfolgsfaktoren für gute Bürgerräte und leiteten daraus Wünsche und Impulse an Politik und Gesellschaft ab. Dabei ging es um weit mehr als um Organisation und Logistik – es ging um die Frage, wie Beteiligung gelingt, Vertrauen entsteht und Demokratie lebendig bleibt.
Auf der Grundlage von Bewertungsskalen zu 51 Qualitätsmerkmalen reflektierten die Teilnehmenden anschließend ihre konkreten Erfahrungen im Bürgerrat Bildung und Lernen. Die Fragen waren in acht Themenbereiche gegliedert:
- Ansprache und Einladung
- Logistik und Rahmenbedingungen
- Moderation und Methodik
- Information und Expert*innen
- Diskussion und Miteinander
- Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Prozesse
- Wirkung und gesellschaftliche Bedeutung
- Beteiligung der Kinder und Jugendlichen
Besonders positiv mit 6 von 6 Punkten werteten die Teilnehmenden die Zusammenarbeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den Diskussionen. Die Erwachsenen hoben dabei hervor, wie die Arbeit und die Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen ihre Meinung beeinflusst haben. Sie erklärten, wie wichtig deren Rolle in den Gesprächen gewesen sei – und wie es ihr eigenes Denken über Schule verändert habe.
Mit durchschnittlich 5,81 Punkten stimmten die Teilnehmenden dem Satz „Ich konnte offen sagen, was ich denke“ zu, und 5,86 Punkte erlangte die Aussage „Ich würde wieder teilnehmen – und/oder anderen empfehlen mitzumachen“. Auch die weiteren Rückmeldungen zum Miteinander, zum wertschätzenden demokratischen Austausch und zur Wirksamkeit der eigenen Beteiligung fielen positiv aus.
Kritisch sahen die Teilnehmenden hingegen – ähnlich wie im Workshop der Kinder und Jugendlichen – die entfaltete Wirkung des Bürgerrats Bildung und Lernen auf der politischen Ebene. Sie kritisierten u.a. die geringe Anbindung an politische Prozesse (3,68 Punkte) und eine mangelnde Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit (3,26 Punkte). Am schlechtesten (2,72 Punkte) schnitt die Aussage „Die Politik hat sich klar zu einer Weiterverwendung der Ergebnisse bekannt“ ab.
Moderation, Auswertung und Bericht: Axel Jürgens

